Schlagwörter

, , ,


tasseIn der SOB (Schublade ohne Boden) rumorte es seit Tagen. Ich versuchte, einfach nicht hinzuhören, schließlich hatte ich genug Probleme. Aber dann, eines Nachts um drei, reichte es mir. Ich riss die Schublade auf und schrie: „Ruhe da drinnen, ähm, draußen!“

Zu spät erinnerte ich mich an den Waschbären und schob die SOB hastig wieder zu. Bei nächtlicher Ruhestörung war hier meist er der Übeltäter. Die Schublade ließ sich nicht mehr ganz schließen, etwas klemmte dazwischen. Etwas, das wütend flatterte. Ich zog die Schublade mit einem Ruck wieder auf. Das Etwas rutschte an der Wand der SOB nach unten. Die Geräusche wurden lauter: Rascheln, Knistern, Schnattern, Surren. Ich schaute in die Schublade hinein.

Im ersten Moment sah ich nur Schwärze. Dann entdeckte ich Bewegung. Kleine Texte schwirrten hin und her. Nach einer Weile erkannte ich, dass sie um ein Zentrum kreisten. In der Mitte des Schwarms flatterte ungelenk ein Buch mit Flügeln. Immer wieder sackte es ab und wurde von den Kleinen wieder auf Kurs gebracht. Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Das Buch kam mir bekannt vor. Es stieg ein wenig in die Höhe. Das Licht der Deckenlampe streifte sein Titelbild.

„Halt“, rief ich. „Hierher! Komm da raus, Blechazi!“ Ich bückte mich nach vorne in die SOB und streckte den Arm nach dem Buch aus, das jedoch ausweichen konnte. Im nächsten Moment bohrten sich die spitzen Kanten unzähliger kleiner Texte in meine Hand und meinen Unterarm.

„Au!“ Ich zog die Hand heraus. Die Haut war übersäht von winzigkleinen Papercuts. Es brannte.

„Lass das Blechazi in Ruhe!“, riefen die kleinen geflügelten Texte. „Ihm gefällt es hier draußen, es will nicht länger im Regal stehen.“

„Aber es ist noch längst nicht flügge.“

„Ach, Quatsch. Du siehst doch, wie es fliegen kann.“

Das Buch rammte eine Kante der Schublade und taumelte ein Stück durch die Luft, bevor es sich wieder fangen konnte. Ich war nicht überzeugt. Ich wollte das Blechazi schützen. Da draußen warteten unfaire Kritik, Ungeduld, Desinteresse und Menschen, die es missverstehen würden. So lange hatte ich das Blechazi schon im Regal, ich wollte es nicht dieser Welt da draußen ausliefern. Doch je länger ich dem kleinen Buch zusah, das zwar unerfahren im Fliegen war und offensichtlich kein Naturtalent, aber dennoch unermüdlich und eifrig hinter den schnellen kleinen Texten herflatterte, desto mehr verstand ich, dass es dort hinaus gehörte. Ich musste es loslassen.

„Leb wohl“, zwang ich mich zu sagen, „und viel Glück!“

„Etwas Besseres finden wir überall“, sangen die kleinen Texte, während sie durch die Luft schossen. Das Blechazi versuchte mir zu winken und geriet dabei ins Trudeln. Doch es lachte nur und gewann mit ein paar kräftigen Flügelschlägen wieder Sicherheit.

Ich schloss die SOB. Jetzt hörte ich ein Rütteln im Regal. Doch der Waschbär? Nein, die anderen Romanmanuskripte waren bis an die vordere Kante des obersten Regalbretts gehoppelt und schauten neugierig herunter.

„Dürfen wir auch?“, fragte das Brandenburgbuch, neben dem bis vor Kurzem das Blechazi gestanden hatte. Es hüpfte aufgeregt auf und ab. Seine Seiten fielen ein Stück auseinander. Eine winzige Fledermaus streckte den Kopf heraus.

„Nein, ihr seid noch nicht reif“, sagte ich.

„Aber du hast schon eine Weile lang gesagt, ich wäre fast fertig, wenn jemand gefragt hat!“

Nichts konnte vor diesen vorlauten Manuskripten verborgen bleiben. Außerdem hatten sie auch noch recht. Ich hatte das gesagt und wahrscheinlich stimmte es sogar. Das Brandenburgbuch war das älteste Manuskript in Überarbeitung, abgesehen vom Blechazi, das nun stiften gegangen war.

„Im Sommer“, sagte ich zum Brandenburgbuch.

„Mai?“, fragte es und hüpfte wieder auf der Stelle.

„Sehen wir mal. Eher Juni.“ Oder Juli, August, September … Ich hatte noch vieles, was ich ändern wollte.

„Mai, Mai, Mai“, sang das Brandenburgbuch und sprang im Takt auf und ab.

„Und ich?“ Limereszent schaute mich sehnsüchtig an und lehnte sich weit nach vorne. Ein paar dicke Schneeflocken segelten zu Boden.

„Im Winter vielleicht, das passt doch zu dir“, sagte ich, um es abzuwimmeln.

„Noch so lang?“

„Wann dürfen denn dann wir endlich raus?“ Die anderen Manuskripte waren wirklich noch zu jung, um in die Welt entlassen zu werden.

„Schluss jetzt“, sagte ich. „Ihr kommt alle an die Reihe, aber wir haben noch viel zu tun.“

Ich ging in die Küche, um das Gespräch zu beenden. Das Getuschel im Regal legte sich nach einer Weile. Ich legte mich wieder ins Bett. Die Wohnung war friedlich, auch in der SOB war es jetzt ruhig geworden. Nur ein leiser Singsang aus dem Regal hörte nicht auf. „Mai, Mai, Mai, Mai.“ Ich musste lachen. Wahrscheinlich konnte ich es ihm nicht abschlagen.

Das Blechazi. Keine Weihnachtsgeschichte

Das Bodenlosz-Archiv bietet Raum für kleine Texte. Doch manchmal drängt es auch die längeren Texte ans Tageslicht. Gestern ist mein erstes E-Book bei Amazon erschienen. Ich freue mich über LeserInnen und Rezensionen.

Eine Kurzbeschreibung gibt es hier in der neuen Rubrik Bücher.

Zum Buch ein Minibuch: hier kann ein kostenloses Minibuch zum Buch heruntergeladen werden. Einfach die pdf-Datei ausdrucken und zusammenfalten. Erläuterungen zum Drucken und Falten gibt es auf der Bücherseite.

Voilà!

Advertisements