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Zeichnung: Katarina PollnerVorgestern Abend stand ich an der roten Ampel. Der Regen prasselte fröhlich auf meine Kapuze, Tropfen kullerten über meine Brillengläser und zeigten mir ein Kaleidoskop des Hermannplatzes. Ich sinnierte über die Romantik des Frühherbstes.

Ein Radler mit Mountainbike und einem Flimmerlicht auf dem Buckel quetschte sich links an mir und der Ampel vorbei und stellte sich quer über den kreuzenden Radweg. Eine Gruppe Touristen auf Leihrädern musste scharf bremsen. Einer ließ vor Schreck die Bierflasche fallen.. Ein Pärchen ohne Licht schälte sich rechts neben mir aus dem Dunkel und platzierte sich vor mir neben dem Mountainbikefahrer.

Die Ampel wurde grün. Die einzige, die losfuhr, war ich. Die anderen konnten die Fahrradampel nicht sehen, da sie hinter ihnen war. Ich fuhr in einem Bogen um die Radler vor mir herum, die in die Pedale traten, sobald ich auf ihrer Höhe war. Der Mountainbikefahrer versuchte, mich vor ein Taxi abzudrängen. Aber ich konnte nach vorne entkommen. An der nächsten Ampel wartete schon das warme rote Licht. Ich hielt am Strich. Der Mountainbiker riss mich fast um, als er an mir vorbeischoss. Er bremste kreischend direkt vor mir ab. Dreckwasser spritzte von seinem Hinterrad hoch und landete auf meiner Hose. Klappernd näherte sich das unbeleuchtete Pärchen und zwängte sich rechts an mir vorbei.

„Wie viele habt ihr“, hörte ich den Mountainbiker fragen.

„Mit ihr vierhundertdrei“, antwortete die Frau und deutete auf mich.

„Nur im September?“, fragte der Typ auf dem Mountainbike.

„Klar. Wir sind in der Oberliga bei den Blood Red Bikes“, sagte der Mann ohne Licht.

„Hut ab“, sagte der Mountainbiker.

„Wie viele hast du?“, fragte die Frau.

Der Mercedes hinter uns hupte, raste in einem engen Bogen um uns herum und mit einem Aufheulen weiter die Straße hinunter. Die Ampel war Grün geworden. Die drei Räder vor mir bewegten sich nicht. Ich schlängelte mich um sie herum und stellte mich auf der anderen Straßenseite rechts an die Fußgängerampel, um die Straße zu überqueren. Als ich dort Grün bekam, fuhren die drei los und hätten mich um ein Haar gerammt.

Zu Hause zog ich mir trockene Kleider an und setzte ich mich mit einem Grog vor den Computer. „Bei den Blood Red Bikes“, hörte ich die Frau wieder sagen. Die Neugier schickte mich ins Internet. Seitdem ist mir einiges klar geworden.

Seit Jahren hatte ich mich gewundert. Kaum stand ich mit dem Rad an der roten Ampel, begannen andere RadfahrerInnen, sich von hinten an mir vorbeizudrängeln. Manchmal mogelten sie sich anschließend bei Rot über die Kreuzung. Meist war das nicht möglich. Dann stellten sie sich vor mich hin, so, dass sie selbst die Fahrradampel nicht sehen konnten und deshalb nicht merkten, wenn sie Grün wurde.

Das war das eigentlich Verwunderliche an dieser Ampelkonstellation: Entweder verpassten diejenigen, die es scheinbar so eilig hatten, das Grün der Fahrradampel oder sie fuhren so langsam an, dass ich sie binnen weniger Meter überholte. Auch die, die die Kreuzung bei Rot überquert hatten, ließ ich schnell hinter mir. An der nächsten roten Ampel begann das Drängeln von vorne. Manche Radfahrer überholte ich auf dem Weg zur Arbeit fünf Mal und mehr.

Ich hatte mich darüber geärgert, weil die Überholmanöver gefährlich waren und in meinen Augen komplett überflüssig. Ich hatte das Gefühl, in einem Pulk Verrückter durch die Stadt zu radeln. Ich war an der Radfahrerwelt verzweifelt.

Jetzt weiß ich, das hat alles seinen Sinn. Es ist ein Sport. Wahrscheinlich wird daraus irgendwann eine olympische Disziplin.

Für jede rote Ampel, an der man sich vorbeischummelt, gibt es Punkte. Gezählt wird über eine App fürs Handy. Es gibt ein ausführliches Reglement und offizielle Ranglisten im Internet. In Vereinen wird trainiert. Sonderpunkte gibt es für Fahren ohne Licht, lautes Telefonieren während der Fahrt und natürlich das Überholen von RadlerInnen, die an roten Ampeln warten. Überholt man dasselbe Rad mehr als dreimal innerhalb von 15 Minuten, zählt das doppelt. In ein paar Jahren soll es die erste Weltmeisterschaft im Real Life geben. Berlin hat sich als Austragungsort beworben und es sieht gut aus. Schließlich stehen auf den ersten 100 Weltrangplätzen 71 BerlinerInnen.

Redlighting ist definitiv im Kommen. Jeder kann dabei sein. Zumindest als Hemmschuh (Green Loser), den es als Red Rebell zu überholen gilt. Es macht mich stolz, Teil einer aufstrebenden Disziplin zu sein. „Danke“, sage ich nun jedes Mal, wenn ich dabei sein darf.

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