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„Na, wie lebt es sich denn so mit dem kleinen Kerl“, begrüßte mich der Bezirksschornsteinfeger, der meine Gastherme überprüfen wollte.

Ich war verwirrt. Ich hatte keinen Kerl bemerkt, der mit mir die Wohnung teilte. Und woher sollte der Schornsteinfeger das wissen, wenn es nicht einmal mir selbst auffiel?

Er grinste und deutete zur Zimmerdecke. Alles klar.

„Woher wissen Sie das denn?“, fragte ich.

„Na, ich bin dem doch auf dem Dach begegnet. Erst war ich verwundert. Eigentlich hat der bei uns nichts zu suchen. Kommt ja nicht von hier.“

„Mhm“, war alles, was mir einfiel. Der Schornsteinfeger packte seine Sachen aus dem Koffer und klappte die Therme auf.

„Der schläft im Schornstein da hinten“, sagte er. „Der wird nicht mehr benutzt. Und er hat ein Regendach. Guter Platz.“ Er steckte ein Messgerät in die Therme und studierte die Anzeige.

„Nachts läuft er auf meiner Terrasse herum“, sagte ich.

„Ich müsste ihn eigentlich melden. Aber er ist ein süßer Kerl. Als es so heiß war, habe ich oft an ihn gedacht. Wo er da wohl Wasser hergekriegt hat, der Arme?“

Die Gießkanne hatte ich in die Wohnung genommen, nachdem sie dreimal umgeworfen worden war. Dafür fand ich dann morgens die Blumentöpfe umgekippt und die Erde durchwühlt. Auf der Suche nach Wasser.

„Er kackt auf die Terrasse nebenan, das ist sein Klo“, sagte ich tapfer. „Ziemlich eklig. Und bei Regen fließt dann die Soße in der Mitte zwischen den Terrassen in einem Tümpel zusammen.“ Aber meine Verteidigungslinie bröckelte.

Ich wollte nicht mit einem kleinen Kerl das Dach teilen. Nach Anbruch der Dämmerung konnte ich Türen und Fenster nicht mehr öffnen, damit er nicht in die Wohnung kam. Das war während der Hitzeperiode auch kein Zuckerschlecken gewesen.

Doch jetzt sah ich mich in einem anderen Licht. Ich hielt meine Wohnung abgeschlossen, räumte die Gießkanne weg, sicherte die Blumentöpfe und trank drinnen literweise Wasser, während der arme Junge draußen durstend umhertaumelte.

„So ein Süßer“, sagte der Schornsteinfeger. „Irgendwo muss er ja auch bleiben, oder?“ Er hätte ihn gerne sofort mitnehmen dürfen.

„Ihre Nachbarin von gegenüber“, fuhr der Schornsteinfeger fort, „findet ihn putzig. Sie beobachtet ihn beim Schlafen. Hat Fotos gemacht.“

Das hätte ich auch lieber getan, als ihm nachts beim Randalieren zuzuhören und tagsüber seine Häufchen zu betrachten. Die Nachbarin kannte ich schon. Sie hatte mir in den Ohren gelegen. Der macht doch nichts. Der weiß ja sonst nicht wohin. Warum soll der hier nicht wohnen, der Arme.

Ich wusste viele Gründe. Schließlich war ich diejenige, auf deren Dach er hauste. Doch ich spürte, wie meine Entschlossenheit, wieder alleine zu leben, schwand. Es war ein Komplott. Die Nachbarin und der Schornsteinfeger hatten sich zusammengetan, um an mein hartes Herz zu appellieren.

„Wer weiß, was die mit dem machen, wenn man das meldet“, sagte er zum Abschied. „Also, ich könnte das nicht verantworten.“

waschbaer2

In der Dämmerung rumpelte der Waschbär die Dachschräge herunter. Er klapperte über die von ihm gelockerten Ziegel zur Terrasse, schlüpfte durch das Gitter, quetschte sich quer durch den Basilikumbusch, latschte zur Nachbarterrasse, erledigte sein Geschäft und hockte sich dann an den Kopf der Feuertreppe. Ich öffnete die Terrassentür.

„Hau ab“, schrie ich und wackelte mit dem Holzplankenboden der Terrasse. Der Waschbär schaute sich interessiert nach mir um. „Geh weg“, rief ich, doch die Entschiedenheit in meiner Stimme schwand. „Du blödes Tier, lass mich in Ruhe“, sagte ich leise und schloss die Terrassentür wieder. Der Waschbär warf mir noch einen Blick zu, dann kauerte er unbewegt über der Regenrinne und ging seinen Gedanken nach. Ich konnte mich mit Mühe davon abhalten, eine Schale mit Wasser zu füllen und nach draußen zu stellen. Es hatte ohnehin geregnet.

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