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O-U-Uckerseen9Samstags fahre ich ins Umland. Mit dem Rad durchstreife ich die Brandenburger Landschaft. Die Vielfalt von Pflanzen und Tieren nimmt mich gefangen, die Weite des Blicks beruhigt meine Gedanken und der Geruch der Wälder und Getreidefelder nährt meine Seele.

Ich kann mich nicht satt sehen. Und apropos satt, die Brandenburger Gastronomie hält Überraschungen jeder Art bereit – gefrorenen Kuchen zu Gourmetpreisen, Schnitzel nach Hausfrauenart für fünf Euro, „türkischen“ Kaffee à la DDR (Aufguss in der Tasse mit Kaffeesatz zum Kauen als Dessert), bunt zusammengewürfelte Möbel in einem Gartenparadies und betonierte Terrassen mit Plastikpflanzen, frittierte Spaghetti und Salzkartoffeln mit deklarierungspflichtigen Zusatzstoffen.

Gestern nahmen wir den Regionalzug in die Uckermark. Die Landschaft rund um den Ober- und Unteruckersee ist atemberaubend schön und atemberaubend hügelig. Nach der gemeinsten Steigung hat ein vorausschauender Mensch eine Bank zum Rasten und Schauen aufgestellt. Hier hätte ich ewig sitzen können und die Schönheit mit den Augen trinken. Der Tag war wie ein Traum.

Wären nicht die beiden kurzgeschorenen Männer im schwarzen Auto gewesen, die versuchten, uns vom Radweg zu drängen, uns später auf der Straße wieder einholten und bei dieser zweiten Bewegung scherzhaft mit der Stoßstange nach uns ausholten. Jagdszenen aus Brandenburg?

Hätte nicht der Name des idyllisch bepflanzten und gepflegten Feriendorfs mit den vielen Pensionen etwas in meinem Kopf läuten lassen. Kilometer später fiel mir ein, dass dort gelangweilte Jugendliche einen bestialischer Mord begangen und die Leiche monatelang versteckt hatten. Niemand wollte etwas bemerkt haben. Über dieses Dorf gibt es zahllose Medienberichte, Theaterstücke, Filme – wenn man durchfährt, sieht es aus wie aus einem idyllischen Heimatfilm. Man erwartet fast, die Dorfjugend in Tracht durchs Ort tanzen zu sehen.

Sicher verbirgt sich auch in Bayern unter der Oberfläche oft das Grauen. Brandenburg ist da keine Ausnahme. Ich weiß. Jeder Anblick ist wunderschön und schrecklich zugleich, es ist eine Frage der Perspektive.

Aber wie soll ich beides zusammenfügen? Darf ich die Landschaft genießen und die dunklen Seiten mit einem Achselzucken abtun? Bin ich eine ignorante Großstädterin, die das Umland als Freizeitpark nutzt, das Landleben romantisiert und sich mit süßlich verkitschter Romantik das Hirn verkleistert? Sollte ich andererseits nur auf die schrecklichen Dinge starren und die Schönheit nicht feiern?

Zum Ausflug nach Brandenburg gehören der Fischadler, der glühend bunte Bauerngarten und der saufende Pensionswirt, der nicht an Ausländer vermieten will. Es gibt nur eine Realität, die all das umfasst. Ich muss mich darin bewegen. Auch wenn ich manchmal nicht weiß, wie.

   

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