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WaschbärschwanzNeulich erwachte ich von einem ungewohnten Geruch. Hatte ich einen Mann mit Mundgeruch kennen gelernt und mit nach Hause gebracht? Ich konnte mich an nichts erinnern.

Und ich glaubte, dass es nichts zu erinnern gab, bloß einen Abend mit mitgebrachter Arbeit am Notebook und einem Glas Rotwein. Der Geruch musste aus einem Alptraum herübergeschwappt sein.

Zwischen meine Augenlider drang die grelle Morgensonne. Ein schwarzer Fleck saß im Augenwinkel. Ich schloss die Augen. Der Fleck war struppig gewesen. Ich riss die Augen auf und schoss hoch. Auf meiner Bettdecke saß der Waschbär und schaute mich erstaunt an.

Wir kannten uns. Letztes Jahr war er im Sommer als Jungtier in das Dach über meiner Wohnung eingezogen. Er hatte die Dachziegel gelockert und sich Einstieg verschafft. Er hatte sich nachts knisternd durch die Dämmung gewühlt und war über die dünnen Platten galoppiert, die meine Zimmerdecke bildeten. Ich hatte ihn damals für einen Marder gehalten. Gesehen hatte ich ihn erst im Frühling.

In manchen Nächten war ihm nach Lärm. Vielleicht war es einsam dort oben auf dem Dach, vielleicht war ihm langweilig so ohne Fernseher und Gesellschaft. Dann schusserte er Dinge über die Dachpappe, jagte kleine Tiere, von denen ich nicht wissen wollte, was sie waren. Er polterte die Hinterhauszeile entlang und bremste wagemutig kurz vor dem Abgrund an der Feuerwand. Schließlich klapperte er über die gelockerten Dachziegel nach unten zum Schneegitter und überlegte, was er nun tun sollte.

Dort hatte ich ihn das erste Mal im Licht meiner Taschenlampe deutlich gesehen. Er hatte geblinzelt und mich interessiert angeschaut. Er war riesig, gut herausgefressen und zottelig. Ich versuchte, ihn zu verscheuchen, schließlich saß er direkt vor meinem Dachfenster. Aber er blieb hocken und wartete ab, bis das Licht und der Lärm aufhörten.

Seitdem sah ich ihn regelmäßig in der Dämmerung. In den hellen Juninächten kam er schon heraus, bevor es dunkel wurde. Er saß auf der Terrasse, fischte Wasser aus der Gießkanne, das er von den Pfoten leckte, und schaute dabei versonnen ins Zimmer herein. Ich schloss abends alle Fenster, selbst wenn es heiß war.

Bis gestern Nacht, als die Temperatur im Zimmer 36 Grad erreicht hatte. Morgens um drei Uhr hatte ich alle Vorsicht über Bord geworfen und die Terrassentür gekippt. Sicher würde der Waschbär nicht hindurchklettern können.

Er passte gut zu meiner weiß und schwarz gemusterten Bettwäsche. Er gähnte und ließ mich dabei nicht aus den Augen. Seine vergilbten Zähne sahen gefährlich aus. Sein Geruch war nicht stubentauglich. Ich saß stockstill und wagte kaum zu atmen.

Der Waschbär stellte die Hinterbeine auf und dehnte sich in eine Yogaposition. Dann kratzte er sich hinter dem linken Ohr. Immer noch behielt er mich im Auge. Er machte einen behäbigen Satz über meine Beine, ließ sich von der Bettkante hinab, latschte zur Balkontür und schaute mich auffordernd an. Unwillentlich schlüpfte ich unter der Bettdecke hervor, ging über das morgenkühle Laminat zur Balkontür und öffnete sie.

Der Waschbär spazierte auf die Terrasse hinaus. Seinen buschigen Schwanz hielt er hoch erhoben. Noch einmal blickte er sich nach mir um, dann kletterte er auf die Regenrinne und verschwand auf seinen Wegen.

Ich ging benommen zurück zu meinem Bett. Auf der Bettdecke klebten schwarze Haare an der Stelle, an der der Waschbär gelegen hatte. Durch die Terrassentür wehte frische Luft ins Zimmer und löschte den Waschbärgeruch langsam aus. Auch meine Erinnerung an die Begegnung verblasste. Konnte das passiert sein? Unmöglich.

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