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Sie hieß Frau Weiß, Rot, Schwarz oder Blau. Genau weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls trug sie gerne einen smaragdgrünen Nicki-Trainingsanzug. Ihre Haare waren wuschelig und hatten eine undefinierbare Farbe. Eigentlich sah sie unauffällig aus. Eine gedrungene Frau in mittleren Jahren mit einer Trillerpfeife auf dem Bauch. Niemand hätte gedacht, dass sie der Teufel war.

Ich verbrachte jede Woche ein bis zwei Stunden mit ihr. Sie saß dabei zumeist. Ihr Gesäß war wohl gepolstert. Ihre Laune war mies. Sie konnte mich nicht leiden. Am schlimmsten wurde es, wenn ich Fragen stellte, was ich bald sein ließ.

Sie kreuzte meinen Weg, als ich neun Jahre alt war, und blieb mir an den Hacken kleben. Wenn ich am Montag in der ersten Stunde zu ihr musste, konnte ich in der Nacht davor vor Angst nicht schlafen. Dabei ließ sie mich meist links liegen. Sie schenkte mir bloß einen abfälligen Blick, verpasste mir eine schlechte Note, schrie mich an, weil ich meine verdammten Zehenspitzen auf dem Schwebebalken nicht genügend streckte. Sie tat ihr Bestes, damit ich verstand, dass ich ein plumpes, widerliches Etwas war. Sie war erfolgreich. Der Lernerfolg war nachhaltig. Vielleicht hat das wenigstens sie ein bisschen glücklicher gemacht.

Wahrscheinlich hatte Frau Weiß, Rot, Schwarz oder Blau nämlich ein unglückliches Leben. Ihr Mann war einer anderen Frau oder dem Suff verfallen, sie hatte von einer Karriere als Tänzerin geträumt und war stattdessen an dieser Schule voller sportuninteressierter Trampel gelandet, ihre Pfunde wollten nicht purzeln, obwohl sie jeden Tag entschlackte.

Ich konnte nichts dafür. Ich hatte meinen eigenen prallgefüllten Sack Probleme. Aber ich musste büßen, das schien auf meine Stirn geschrieben.

In der siebten Klasse wurde in unserem bayerischen Gymnasium ein Experiment in koedukativem Sportunterricht gemacht. Es traf ausgerechnet mich. Wir bekamen einen sehr männlichen Sportlehrer. Er war groß, sehnig und brüllte mit tiefer Stimme. In der ersten Stunde wurden Mannschaften aufgestellt für ein Ballspiel. Der Sportlehrer entschied: Eine Mannschaft sollte die Oberteile ausziehen. Die Frage war nur noch, welche. Ich wurde fast ohnmächtig, weil ich sicher war, der diabolische Sportlehrer würde mir gleich befehlen, mein T-Shirt auszuziehen und meine sprießenden Brüste zu zeigen. Ich traute ihm alles zu, schließlich war er ein Sportlehrer. Ich weiß nicht mehr, wie es ausging. Ich denke, ihm fiel in letzter Sekunde ein, dass er nicht nur Jungen, sondern auch pubertierende Mädchen vor sich hatte. Kein Mädchen musste sich oben ohne präsentieren, das hätte sich in meine Erinnerung eingebrannt. Aber ich war für den Rest des Jahres gewarnt vor diesem Verrückten.

In der nächsten Klasse wurden wir wieder von den Jungen getrennt. Die Frau mit dem grünen Plüschanzug quälte mich fortan durchgehend bis zum Abitur.

Im Schwimmunterricht stellte ich mir vor, sie ins Wasser zu stoßen. Es war reine Selbstverteidigung. „Bestimmt kann sie nicht schwimmen“, fügte meine Freundin Susanne dazu. Wir schauten versonnen auf die funkelnde Wasseroberfläche. Der dicke Trainingsanzug würde sich vollsaugen. Dunkelgrün würde er sich färben und die Hexe nach unten ziehen. Die Mädchen der Klasse würden still am Beckenrand stehen und zusehen. Dann würden wir uns duschen gehen, während sie am Grund des Beckens lag. Am nächsten Tag würde sie der Hausmeister finden. Wir taten es nie, aber es fehlte nicht viel.

Natürlich gibt es sie irgendwo, die SportlehrerInnen, die Kinder und das Leben mögen. Ich bin ihnen nur leider nicht begegnet. Und damit stehe ich nicht alleine.

Es gibt ein „Lehrerhasser-Buch“. Ich frage mich, warum es noch kein „Sportlehrer-Hasser-Buch“ gibt. Ich bin sicher, es wäre ein Bestseller. Traumata soll man doch aufarbeiten, oder?

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