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Circa zweihundert Erkältungen durchlebt ein Mensch, habe ich im Internet gelesen. Keine Ahnung, ob die Zahl stimmt. Auf jeden Fall kehren sie immer wieder.

Nicht alle Erkältungen sind gleich. Manche schleichen sich allmählich an, manche überfallen mich innerhalb von Stunden, manche sind anhänglich wie die Kletten. Ich hatte aber auch schon eine 24-Stunden-Erkältung, tatsächlich. Leider nur ein Mal. Einige Erkältungen sind erträglich, andere sind die Hölle. Die, die ich im Moment habe, scheint immer zur zweiten Kategorie zu gehören. Aber sie sind unzweifelhaft alle vom selben Schlag, die Biester.

Ich erkenne sie wieder: das Brennen hinter den Augen, die Wundheit in der Kehle, das dumpfe Ziehen im Rücken, das Flackern des Fiebers im Nacken, die Schmerzblitze im Hirn. Kaum bin ich gesund, vergesse ich diese Empfindungen. Bis es mich das nächste Mal erwischt und die Erinnerung schlagartig erwacht.

Wer ist sie, die erkältete Nina? Sie fühlt sich anders an. Ihr Kopf arbeitet langsam und vage. Die Gedanken kullern in unbestimmte Richtung und müssen mühsam auf der Bahn zum Ziel gehalten werden. Das Atmen wird zur Arbeit. Ich pumpe Luft durch die geschwollene Nase in meinen tonnenschweren Brustkorb. Meine Träume sind wild und verwirrend. Die heißen Augenlider öffnen sich nur widerstrebend. Und meine Welt hat einen anderen Sound. Herzpochen mischt sich mit rasselndem Atem. Das Innen tritt in den Vordergrund. Ein Gespinst legt sich um meine Ohren und dämpft den Schall der Außenwelt.

Wäre sie nicht so schmerzhaft und ermüdend, eine Erkältung könnte eine tolle bewusstseinserweiternde Erfahrung sein. Ein paar Tage, an denen ich aus dem Alltag gerissen bin. Selbst wenn ich versuche, den Anforderungen zu genügen: Ich bin nicht dieselbe.

Es heißt, Kinder würden durch jede Krankheit einen Entwicklungssprung machen. Ob das auch für Erwachsene und eine bloße Erkältung gilt? Sie ist immerhin eine Reise in eine verschobene Realität.

Wenn ich mit zugeklebter Nase nach Luft ringend erwache, erinnere ich mich an die Nächte, in denen das zuvor geschah. Ich fühle mich verbunden mit den unzähligen erkälteten Ninas, die es in meinem Leben gab, kleine und große, jede in einer anderen Lebensphase. Ich bin ein Stück weitergewandert, bevor mich die nächste Erkältung in die Knie zwang. Und nach jeder Erkältung bin ich verändert. Zumindest spüre ich mich neu.

Der Kokon der Krankheit zerreißt. Meine Ohren öffnen sich, ich genieße das helle Licht, spüre das Kribbeln der Energie in meinem Körper, ich atme mühelos und leicht. Allmählich dringen Gerüche zu mir durch. Die erste Mahlzeit, die ich wieder in allen Nuancen schmecken kann, ist ein Fest. Selbst wenn sie aus einem Käsebrot besteht.

Ich freue mich schon darauf. Auch wenn es noch einige Tage dauern dürfte, bis ich sie genießen kann.

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