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Ich verdinge mich als Korrektorin und Lektorin sozialwissenschaftlicher Texte. Viele dieser Texte hausen, was die geschlechtergerechte Sprache betrifft, auf einer Insel der Ahnungs- oder Willenlosen. Hier wird ungeniert von Bürgern geschrieben, Politiker und Wähler reden aneinander vorbei und Gewerkschaftsfunktionäre wundern sich, warum sie an die Frauen einfach nicht rankommen.

Manchmal fällt dem Autor oder der Autorin ein, dass da doch was war mit den Geschlechtern, dann wird hastig in einer Fußnote erklärt, dass Frauen mit gemeint seien. Hausfrauen werden allerdings ausdrücklich genannt sowie Kindergärtnerinnen und Krankenschwestern.

Kurz: Es geht 2013 oft zu wie in den Frühzeiten der Frauenbewegung.

Und was tue ich? Ich füge Kommentare ein, in denen ich gebetsmühlenartig auf das Problem hinweise. Ab und zu schreibe ich auf eigene Faust die weiblichen Formen hinzu. Oder auch ein dudenkonformes „/-innen“. Es ist ermüdend.

Doch – obwohl ich den Autoren und Autorinnen des politikwissenschaftlichen Mainstreams bereits als feministische Hardlinerin erscheine – in Wirklichkeit sind meine Vorschläge doch längst von gestern.

Wer geschlechter-, pardon, genderpolitisch in der ersten Reihe steht, die wählt inzwischen keinen Schrägstrich (schon gar nicht mit Bindestrich), auch kein großes Binnen-I, nein, up to date ist der Unterstrich. Da gibt es also Wähler_innen, Politikwissenschaftler_innen und Feminist_innen. Oder sind das Feminist_inn_en?

Es sieht aus, als würde etwas fehlen. Eine Type (Typ_in?) ist aus der Schreibmaschine gefallen. Das ist gewollt. Die Lücke im Wort soll eine Leerstelle markieren. Und durch diese Leerstelle sollen sich all diejenigen vertreten fühlen, die sich keinem Geschlecht zuordnen.

Dem Gedanken kann ich folgen. Aber ich persönlich würde mich ungern durch eine Lücke repräsentiert fühlen. Ist es nicht diskriminierend, ein „Nichts“ zu sein? Ist das nicht erst recht eine Festschreibung der Geschlechter? Entweder du bist ein Mann oder eine Frau oder du bist ein Irgendwas, für das es nur noch ein gähnendes Loch gibt. Fisch oder Fleisch! Wer sich nicht hundertprozentig bekennen kann oder mag, fällt in den Graben. Was ist eigentlich ein richtiger Mann oder eine richtige Frau? War es nicht mal so, dass genau diese absoluten Kategorien im Feminismus in Frage gestellt wurden?

Und den Frauen, die sich ohne Zweifel als Frauen definieren (was immer das bedeutet), was bleibt denen bei der _innen-Schreibung? Bürger_innen erscheinen mir mehr denn je als Bürger mit und ohne Sonderausstattung. Genauer betrachtet, bleibt für die, die sich als Frauen sehen, unter dem Strich überhaupt nur die Endung übrig. Sie sind nicht mehr Lehrerinnen oder Bürgerinnen, sie sind „innen“, egal was sie tun oder sind. Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Die Lücke gehört den anderen und das vor der Lücke den männlichen Exemplaren.

Vielleicht bin ich stockkonservativ und lernunfähig. Aber diesem Vorschlag kann ich mich nicht anschließen.

Ich sehe das Problem: Es gibt (noch) keine Sprache, die dem ganzen Spektrum von Geschlechteridentität gerecht wird. Vielleicht wird sie sich finden, wenn die Gesellschaft sich weiter öffnet für die Widersprüchlichkeiten und Facetten von Geschlecht und Gender und Menschsein. Wenn wir experimentieren und nach Lösungen suchen, die keine neuen Festschreibungen bedeuten. Und wenn wir Sprache als etwas lieben, das, die oder der sich in all ihrer Unzulänglichkeit lebendig und vielfältig entwickelt – unter, über, hinter und vor allem gegen den Strich.

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