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windrosekleinFrüher gab es im Fernsehen eine Sendung, die war so spannend wie das Sportfest an der Schule. Mehrere Mannschaften in grässlichen Kostümen absolvierten einen Parcours. Meistens fielen sie dabei ins Wasser. Die Sendung dauerte gefühlte acht Stunden und hieß Spiel ohne Grenzen.

Bei uns zu Hause kamen keine Shows im Fernsehen. Es gab nur Nachrichten, den Komödiantenstadl, alte Spielfilme, die Sendung mit der Maus, den Rosaroten Panther und natürlich den Internationalen Frühschoppen zum Mittagessen am Sonntag nach der Kirche.

Allerdings war der Fernseher extra für die Olympiade in München angeschafft worden. Im Winter schauten wir Skirennen, die gewöhnlich vom Österreichischen Rundfunk übertragen wurden. Dabei schneite es immer, weil das Bild es nicht störungsfrei bis nach Bayern schaffte.

Eigentlich interessierten sich meine Eltern nicht für Sport, aber sie zählten es wohl zu Ihrer staatsbürgerlichen Pflicht, sportlichen Großereignissen beizuwohnen. Auch das Spiel ohne Grenzen wurde stets in voller Länge verfolgt.

Toll war die Europahymne, die zum Logo der Eurovision eingespielt wurde. Danach wurde es todlangweilig. Die Mannschaften kamen aus Orten in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft, die kaum jemand kannte oder kennen lernen wollte. Niemanden interessierte, wer gewann. Wir waren Zaungäste bei einem grotesken Kindergeburtstag.

Generell galt: Der Fernseher läuft nur, wenn man zusieht. Aber das Spiel ohne Grenzen diente als Hintergrunduntermalung.

Genau deshalb hatte es so eine große Bedeutung für meine persönliche europäische Integration. Die Welt besteht nun einmal nicht nur aus touristischen Höhepunkten. Die meisten Orte sind provinziell und auch in den Hauptstädten ist der Alltag in der Regel halt alltäglich. Die längste Zeit im Leben verbringen wir mit schlafen, einkaufen, putzen, Bus fahren, in der Nase bohren. Frankreich, Belgien, Luxemburg, Großbritannien, Italien und so weiter wurden mir im Spiel ohne Grenzen vertraut als Länder, in denen das Leben genau so ermüdend verlief wie meines. Ich fühlte mich Europa in Langeweile verbunden. Das meine ich ernst: Ich fühlte mich verbunden.

Irgendwann gab es kein Spiel ohne Grenzen mehr, obwohl die Grenzen in Europa schwanden. Es kamen immer mehr Länder zur Union dazu. Ich verlor den Überblick. Natürlich kann ich mit etwas Mühe rekonstruieren, wer alles zur Europäischen Union gehört, aber ich habe kein Gespür dafür. Mich verlangt es nicht nach einem europäischen „Nationalismus“, aber im Moment ist mir die erweiterte EU einfach zu egal. Viel zu egal, um der politischen Brisanz angemessen zu sein. Und eigentlich bin ich überzeugte Europäerin und will es sein.

Mittlerweile umfasst die EU so viele Länder, dass ein Spiel ohne Grenzen 24 Stunden dauern müsste. Das wäre die Höchststrafe. Ich plädiere dennoch für eine Chance, das neue Europa medial in all seiner Banalität zu erfahren. Das Beste am Spiel ohne Grenzen war, dass Zeit keine Rolle spielte. Niemand hatte es eilig. Nichts war zu uninteressant, um es per Eurovision auszustrahlen. Es war das Gegenteil moderner Fernsehunterhaltung. Und genau diese Banalität weckte in mir das selbstverständliche Gefühl, Europäerin zu sein.

Vielleicht ist Heimat der Ort, an dem wir uns entspannt gelangweilt haben. Wir sehnen uns nach dem Gefühl, dass sich die Zeit unendlich dehnt und wir uns ruhig darin niederlassen dürfen. Verbundenheit in Langeweile könnte mir helfen, mich in der vertieften und erweiterten Union heimisch zu fühlen. Aber woher soll sie kommen in Zeiten der permanenten Krise?

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