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„Hör auf, dich zu vergleichen“, sagt meine Freundin. „Wer vergleicht, verliert.“

Sie ist weise. Ich bemühe mich, ihrem Rat zu folgen. Ich bin die dickste Frau im Raum? Egal. Jede hat ihre eigene Schönheit. Der Vorrat an Schönheit auf der Welt ist unbegrenzt. Ich kann einen Anteil daran haben, ohne ihn anderen streitig zu machen. Omm.

Es fällt mir leicht, nicht zu vergleichen, wenn die andere unerreichbar ist. Kate Winslet? Kein Problem, ihre Schönheit und ihr Können kann ich neidlos bewundern. Ehrlich. Ich bin ja keine Schauspielerin.

Bei AutorInnen bekomme ich Probleme. Vielleicht könnte ich genauso gut, viel, erfolgreich schreiben wie die Besten von ihnen. Es liegt an mir. Oder? Was, wenn ich es mit aller Kraft versuchte, aber es gelänge mir nicht? Wäre eine solide Schreibblockade dem nicht vorzuziehen?

„Folge deinem eigenen Weg. Es gibt genug Platz für euch alle“, sagt die weise Freundin.

„Aber nicht genug Anerkennung und Geld für uns alle, Schätzchen“, denke ich.

Ich habe noch einen weiten Weg vor mir bis zur inneren Läuterung.

Bei dem Versuch, neben jemandem einzuschlafen, der schon tief und gleichmäßig atmet, werde ich hellwach. Er braucht gar nicht zu schnarchen. Meine Mordlust wächst von Atemzug zu Atemzug. Hätte er etwas getan für seinen Schlaf, na gut. Aber in der Regel ist das Glück unverdient.

In der Schule hatte ich gute Noten in Deutsch. Doch Claudia schrieb die längsten Arbeiten. Während ich grübelte, raste ihr Füllfederhalter über das Papier. Das Kratzen zerfetzte meine Gedanken. Ich hetzte hinterher. Wenn ich auf der achten Seite angekommen war, stand Claudia vorne am Pult und verlangte nach Zusatzbögen. Ich tat es ihr nach, aber immer siegte sie. Ihre Arbeiten umfassten mindestens vierzig Seiten. Auf mehr als fünfundzwanzig habe ich es nie gebracht.

Die Lehrer wurden panisch, während Claudias Worte auf das Papier regneten. Sie würden all das lesen müssen. Sie mahnten uns zur Kürze. Qualität, nicht Quantität gelte. Schon der alte Goethe habe das gesagt.

Doch Claudias Arbeiten waren lang und gut. Sie waren präzise, sie sprudelten zu jedem Thema aus ihr heraus, selbst Claudias Schrift war leserlich und schön.

Ich hasste Claudia. Wäre sie nur eine Vielschreiberin gewesen, ich hätte einfach kapituliert. Eine vortreffliche Vielschreiberin war zu viel des Guten. In der Antike hätte ich auf den Neid der Götter gehofft. Ohne Götter war ich auf meinen eigenen Neid angewiesen.

Ich habe Claudia aus den Augen verloren. Sicher ist sie in Sphären aufgestiegen, die mir verborgen sind. Doch wenn ich vor dem Bildschirm sitze und um Worte ringe, dann höre ich das Kratzen ihrer Feder auf dem Papier. Sie hat mir nichts getan, ich weiß. Sie kann gar nichts dafür. Das macht es umso schlimmer.

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