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Als Kind hatte ich entweder Schnupfen oder Brechdurchfall. Mit Allergien gaben wir uns nicht ab. Meine Mutter hätte das nicht gern gesehen. Das war etwas für Leute, die sich zu wichtig nahmen.

Heute gehört es zum guten Ton, allergisch zu sein. Gegen Pollen aller Art, Tomaten, Staubmilben oder Kondome. In der Kantine werden Tabletten getauscht, man diskutiert Niesfrequenzen und vergleicht Ekzeme. Zudem sitzt immer jemand mit am Tisch, der keine Milch verträgt, keinen Weizen oder keins von beidem.

Nur ich, ich kann nach wie vor alles essen. Wenn es zu viel ist, nehme ich zu, damit hat es sich mit den Nebenwirkungen.

Als Kind träumte ich davon, eines dieser zarten Wesen zu sein, die sogar vor einer blühenden Wiese beschützt werden mussten. Und noch heute schäme ich mich, wenn ich gestehen muss, ich könne eigentlich alles vertragen. Ich bin unsensibel und anspruchslos.

Natürlich ließe sich eine Allergie für mich finden. Ich kenne Menschen, die sie sind allergisch gegen Zucker, gegen heißes Papier aus dem Kopierer, gegen ihren Job oder den Freund. Doch damit wäre mir nicht gedient. Ich will eine richtige Allergie, die die Schulmedizin anerkennt.

Im Frühjahr hatte ich eine Entzündung am Zahn, gegen die ich ein Antibiotikum nehmen musste. Zehn Tage lang schluckte ich die Tabletten, dann geschah ein Wunder: Innerhalb von Minuten war ich vom kleinen Zeh bis zum Scheitel purpurrot gefleckt. Konnte es wahr sein?

Ich wagte mich zur Notaufnahme im Krankenhaus. Immer noch fürchtete ich, man würde mich auslachen und abweisen. Aber nein. Ich bekam Spritzen und durfte zur Beobachtung dableiben. Den Studenten wurde ich als typisches Beispiel für allergischen Hautausschlag vorgeführt. Ich, der grobe Klotz, hatte es bis zum medizinischen Exponat gebracht!

Stolz ging ich zu meiner Hausärztin. Die schaute kurz auf den Ausschlag und entschied, es handele sich nicht um eine Allergie, sondern lediglich um eine Unverträglichkeit.

Meine Welt brach zusammen. In diesem Leben wird mich der Club der Allergiker nicht mehr aufnehmen.

Allerdings fühlte ich mich neulich nach dem Racletteabend etwas aufgedunsen. Vielleicht klappt es doch mit der Laktoseintoleranz.

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