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eisgang„Sport ist Mord“, sagt der Vater. Er wickelt den hellblauen Daunenmantel enger um seinen kompakten Körper und blickt auf den See hinaus. Sein flauschiges Haar flattert im Wind.

Der See ist mit Eis bedeckt. Wo die Schollen aufeinandertreffen, sind Nähte entstanden. Eine Netzhaut aus weißen Wülsten. Um die kleine Insel in der Nähe des Ufers steht Schilf. Das Eis ist in Bewegung. Es knackt, kracht, bäumt sich auf.

Das Schilf ist neu. Ein Beispiel der ökologischen Stadterneuerung, sagt der Vater. Er hat sein Thema gefunden. Die Tochter ist froh, dass er etwas hat, worüber er reden kann.

Ein Mann in engen Hosen läuft an ihnen vorbei. Weiße Ziernähte betonen seine Waden, muskulöse Waden, die kräftig arbeiten. Oben stößt er weiße Dampfwölkchen aus wie eine emsige kleine Lokomotive. Den Vater und sie hat der Läufer schon weit zurückgelassen.

Sie verabscheut Jogger. Diese Hast, dieser Leistungsdruck, dieser Mangel an Kontemplation. Der Vater und sie genießen die Natur – geruhsam, offen, saumselig.

„Trödelig“, denkt sie und ärgert sich über den Gedanken.

Ihre Füße frieren ein. Dass dem Vater nicht kalt ist. Sein Mantel sieht aus wie eine altmodische Bettdecke. Er bewegt sich kein Stück. Redet sich wohl warm.

„Trödelig“, denkt sie wieder. Ein Schneeball kommt ihr in den Sinn. Einen dicken Schneeball backen und dem Vater mitten auf den breiten Rücken klatschen.

Der Jogger zieht noch einmal an ihnen vorbei. Seine dicken Turnschuhe trappeln auf dem festgetretenen Schnee. Er beginnt die nächste Runde. Vielleicht rennt er unermüdlich Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche, bis es Sommer wird.

Die Waden ziehen sich zusammen und strecken sich. Der Mund des Vaters unter dem weißen Schnauzbart geht auf und zu. Der Jogger läuft wie ein Sekundenzeiger um den runden See. Die Worte des Vaters steigen in den Himmel auf. Der Horizont spuckt kleine Wolken aus. Das Eis knirscht.

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