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Ich hatte zwei Wochen Urlaub. Leider. Denn so verpasste ich den ersten Lunchbeat an meinem Arbeitsplatz. Ja, so hipp ist es da, wo ich arbeite. Normalerweise kommt es mir nicht so vor, aber wo es Lunchbeat gibt, ist man am Puls der Zeit.

Was Lunchbeat ist? Mittagessenschlagen? Beim Lunchbeat tanzt man in der Mittagspause in einem Club und geht dann erfrischt und verschwitzt wieder an den Schreibtisch zurück. Klingt nach einer verrückten Idee. Verrückt genug, dass ich sie unbedingt ausprobieren wollte, nachdem ich das erste Mal davon gelesen hatte.

Leider fand der Berliner Lunchbeat in einem Club statt, zu dem ich eine halbe Stunde unterwegs gewesen wäre. Eine Stunde Weg, eine Stunde Tanzen, eine halbe Stunde frisch machen – so lange kann ich meine Mittagspause schlecht ausdehnen. Ich las neidvoll alle vierzehn Tage im Internet, wie schön es gewesen sei, bis der Berliner Lunchbeat nach ein paar Monaten aufgab mangels Teilnehmern. Vorbei, ohne dass ich dabei gewesen war. Ich war höchst betrübt.

Aber nun, während meines Urlaubs, gab es den ersten Lunchbeat an meinem Arbeitsplatz. Ich las die E-Mail erneut: Den ersten Lunchbeat? Dann folgen vielleicht noch weitere und ich komme doch noch zum Tanzen zur Mittagszeit. Ganz ohne Anfahrtszeit. Es geschehen Wunder.

Allerdings …

Vor ein paar Jahren, als die neue Chefin die Firma übernahm, führte sie Betriebssport ein. Während der Arbeitszeit konnten wir an Qi Gong oder Pilates teilnehmen. Sie räumte für den Pilateskurs großzügig eine Stunde lang ihr überdimensionales Büro, in dem Matten ausgelegt wurden.

Ich freute mich über die Idee. Ich mache sowieso ständig irgendwelche Sportkurse mit, warum nicht während der Arbeitszeit und mit Unterstützung meines Arbeitgebers.

Dann lag ich auf dem Rücken wie eine umgedrehte Schildkröte unter dem Schreibtisch, neben mir den Leiter der Öffentlichkeitsabteilung, der leise stöhnte. Ich stellte schlagartig fest, dass Sport für mich eine Privatsache ist.

Nennt mich konservativ, nennt mich verklemmt, nennt mich eine unsoziale Mitarbeiterin – ich will nicht mit meinen Kollegen in verschwitzten Sportklamotten auf dem Boden herumrollen. Ich will nicht mit ihnen keuchen und röcheln. Ich will nicht vergleichen, wessen Bauchmuskulatur am besten trainiert ist. Ehrlich gesagt ist mein Bauch eine meiner privatesten Privatsachen. Der geht nur die Leute etwas an, die ich ausdrücklich dazu einlade.

Ich will am Arbeitsplatz bekleidet aufrecht sitzen, gehen und stehen. Wäre es anders, würde ich in einer Sauna arbeiten oder im Rotlichtmilieu.

Stöhnen, keuchen und schwitzen möchte ich nicht mit meinen Kollegen. Nun ja, abgesehen vielleicht von dem Neuen mit dem verschmitzten Lächeln, das würde ich mir durchaus überlegen.

Falls es einen zweiten Lunchbeat geben sollte, werde ich wohl trotzdem hingehen. Aus Neugier und aus Tanzlust. Zur Not kann ich die Augen beim Tanzen schließen und mir vorstellen, ich wäre ganz woanders. Falls der hübsche Kollege kommt, mache ich Augen und Ohren natürlich weit auf. Auch das ist jedoch eine Privatangelegenheit.

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