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BriefIn meinem Briefkasten lag heute ein Brief von einem Netzbetreiber. Da ich ALLE Briefumschläge aufreiße, tat ich es auch mit diesem. Ich weiß nicht, warum ich diesen Drang verspüre, vermutlich ist es die unbeirrbare Hoffnung, dass ich eines Tages in einem unscheinbaren Umschlag mein Glück finden werde. Wohl nicht in einem Brief von einem Netzbetreiber, aber meine Hoffnung hält sich alles offen.

„Entschuldigung!“ stand fettgedruckt über dem Brief. Was, um Gottes Willen, hatte diese Firma mir Schreckliches angetan? Ich las rasch weiter. Im Alltagstrubel könnten Verwechslungen passieren, hieß es. Man habe mir Anfang November einen Brief zugestellt, der nicht für mich bestimmt gewesen sei.

Ich verstand ich nicht wirklich, warum man einen unerwünschten Brief im Kasten mit einem weiteren gutmachen wollte. Mir werden häufig Werbeschreiben zugestellt, sicherlich nicht immer im Einklang mit dem Datenschutzgesetz, noch nie war eine Entschuldigung erfolgt.

Aber es war natürlich ein netter Zug von der Dame, deren Funktion als „Kundenkommunikation“ angegeben wurde, mich in aller Form um Verzeihung zu bitten. Wofür auch immer. Warum taten das nicht auch andere? Wenn schon ein einziger falsch adressierter Brief Grund genug dafür war, dann würde ich häufiger persönliche Entschuldigungsschreiben erwarten.

„Sehr geehrte Frau Bodenlosz, im Trubel des Alltags kann mal etwas danebengehen. Erneut sind uns aus Versehen ein paar Akten, die wir für den NSU-Untersuchungsausschuss herausgesucht hatten, in den Schredder gefallen. Wenn Sie dieses Missgeschick beunruhigt haben sollte, können wir das gut verstehen. Bitte sehen Sie einfach darüber hinweg. Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen. Ihre Verfassungsschutzbehörden.“

„Sehr geehrte Frau Bodenlosz, als Regierender Bürgermeister habe ich sehr viel um die Ohren. Da können die Dinge schon einmal außer Kontrolle geraten. So habe ich es zum wiederholten Male nicht geschafft, den neuen Flughafen Berlin-Brandenburg fristgerecht zu eröffnen. Falls Sie das verärgert haben sollte, so kann ich das gut verstehen. Ich bin selbst höchst überrascht, dass auch dieser Termin nicht zu halten war. Bitte nutzen Sie einfach unseren schönen Flughafen Tegel, den wir für Sie immer weiter offenhalten werden. Vielen Dank für Ihr Verständnis …“

Bei näherer Betrachtung möchte ich auf solche Schreiben doch lieber verzichten. Sie würden meinen Briefkasten sprengen.

Im Schreiben des Netzbetreibers hieß es weiter, dass sie allzu gut verstehen könnten, wenn mich der fälschlicherweise zugestellte Brief irritiert hätte. Ich solle ihn nunmehr rückwirkend ignorieren.

Ich würde mich gern um das Unmögliche bemühen, aber ich kann mich einfach nicht an das Schreiben erinnern, das nun zu vergessen wäre. Und, wie gesagt, öffnen tue ich sie alle. Von Ignorieren kann seit der Entschuldigung nicht mehr die Rede sein. Ich frage mich unentwegt, was in dem dubiosen ersten Brief nur gestanden haben könnte. Ist er mir vielleicht doch nicht zugestellt worden?

Wenn bei denen schon so viel durcheinandergeht, ist es ja vielleicht umgekehrt: Den ersten Brief habe ich versehentlich nicht erhalten, obwohl mich sein Inhalt mit Recht schockiert haben würde, während ich die Entschuldigung nur durch eine Verwechslung erhielt. Was also hat diese Firma mir angetan? Ich werde wohl auf die Entschuldigung für die versehentliche Entschuldigung warten müssen, um das herauszufinden.

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