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Meine Protagonistin macht, was sie will. Oder ich hoffe, es ist wenigstens das, was sie will. Auf meine Wünsche hört sie nur selektiv.

Jedes Jahr dasselbe Problem: Meine Figuren haben einen eigenen Kopf und lassen sich bitten. Ich könnte sie zwingen, aber dann stellen sie sich tot.

Ich ahnte schon, dass es wieder so kommen wird. Beim NaNoWriMo-Reinschreib-Event in der Kneipe kurz vorm Startschuss beschrieb ich die Konflikte zwischen zwischen meinen Figuren und mir.

„Sie entziehen sich meiner Kontrolle“, sagte ich.

„Ich hoffe, du hast keine Kinder“, antwortete einer.

Ich war schockiert.

„Na, die würden dir doch auch nur auf der Nase rumtanzen“, sagte er.
Wahrscheinlich führt er seine Protagonisten in Ketten durch seinen Roman.

Wenn ich Kinder hätte, würde ich dann an ihnen üben, um meine Romanfiguren besser in den Griff zu bekommen? Oder umgekehrt?

Eine Freundin, die mehrere Kinder hat, lachte, als ich ihr von dem Gespräch erzählte. „Wahrscheinlich ist er selbst kein Vater“, sagte sie, „sonst würde er wissen, dass nicht wir unsere Kinder erziehen, sondern umgekehrt.“

Erziehen mich meine Figuren auch? Oder anders gesagt, da sie ja im Gegensatz zu Kindern nur meinem Kopf entspringen: Erziehe ich mich selbst in Gestalt meiner Figuren? Was bringen sie mir bei?

Muss ich meine Protagonistin erziehen oder sie mich? Wir sind beide erwachsen. Ich habe sie in ihre Welt gesetzt und sie führt mich nun hindurch. Ich versuche, sie in eine Richtung zu drängen. Manchmal geht es gut, manchmal entsteht etwas Neues. Manchmal stellen wir beide fest, dass wir uns verrannt haben. Dann kehren wir um. Dass es auf Reisen auch mal Streit gibt, ist normal.

Es geht nicht um Erziehung, sondern um ein Spiel. Wie Schauspieler, die improvisieren, treiben die Figuren mit mir zusammen die Handlung voran. Dafür habe ich sie erschaffen und ihnen eine Aufgabe gestellt. Wenn ich mich über sie ärgere, dann ist das ein Signal. Ich mache etwas falsch. Oder ich mache gerade etwas richtig: Denn Renitenz ist doch ein Zeichen für Lebendigkeit.

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