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Meine Freundin Susanne musste in die Schule ihres Sohnes. Diesmal hatte sich der Sportlehrer beschwert. Susannes Sohn hat im Sport eine Eins und war der Liebling des Lehrers, bis er sich weigerte, eine Riege zu wählen. Er empfand das Verfahren nicht als fair. Susannes Sohn ist ein Held. Ich habe sie gebeten, ihm meinen Dank auszurichten im Namen aller unsportlichen Kinder.

Ich bin schockiert. Ich ging davon aus, dass das Wählen einer Riege im Sportunterricht längst in der pädagogischen Mottenkiste gelandet wäre. Sicher bemühte man sich heute, allen Kindern auch beim Sport eine Chance zu geben. Die Förderung der Schwächeren wäre Ehrensache. Kindern würde Freude an der Bewegung vermittelt − auch in Hinblick auf ihr späteres Erwachsenenleben, in dem sie sich doch gefälligst viel bewegen sollen, um die Krankenkassen zu entlasten.

Weit gefehlt. Eine Umfrage bei anderen Eltern ergab: Im Sportunterricht scheint es so zuzugehen wie vor dreißig Jahren, als es noch Leibeserziehung hieß.

Damals erschien mir der Sportunterricht als eine Abfolge von Maßnahmen, die dazu geschaffen waren, mich bloßzustellen. Als stünde dahinter ein geheimes Curriculum. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Geheult habe ich kein einziges Mal, jedenfalls nicht während der Stunde, nur in den Nächten davor und danach. Das Lernziel wurde dennoch erreicht: Ich fühlte mich am Ende meiner schulischen Laufbahn plump, ungeschickt und unfähig, einen Bewegungsablauf zu erlernen. Hatte ich als Kind noch außerhalb der Schule gerne getanzt, hatte ich es mir im Verlauf der Pubertät gänzlich abgewöhnt. Solange jemand guckte und das Licht an war.

Geräteturnen war eine Folter. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, und niemand erklärte es mir. Während des freien Übens studierte die Lehrerin ihre Unterlagen. Zwei schmächtige Schülerinnen mit guten Noten waren als Hilfestellung eingeteilt. Mich würden sie nicht halten können. Ich schämte mich in Grund und Boden, wenn ich schließlich bei der Benotung gezwungen wurde, vor aller Augen zu beweisen, dass ich eine Null war.

Noch schlimmer waren die Mannschaftsspiele. Auch hier verstand ich nicht, was zu tun war. Es wurde nicht näher erläutert, man wusste das eben. Das Furchtbarste kam jedoch zuerst: Zwei der besten Schülerinnen wurden gebeten, abwechselnd ein Mädchen in ihre Riege zu wählen. Ich gehörte natürlich zu den Ladenhütern. Manchmal war ich die Letzte, manchmal wurde ich schon als Vorletzte aufgerufen und durfte mit gesenktem Haupt zu meiner Gruppe schlurfen. Es gab andere, die noch unbeliebter waren als ich. Kein Preis, den ich gewinnen wollte.

Das ist lange her und ich habe es inzwischen geschafft, wieder bei Licht zu tanzen. Getröstet habe ich mich damit, dass das, was ich überlebt hatte, zum Repertoire einer veralteten Pädagogik gehörte wie die Erzählungen von der Schlacht vor Stalingrad während des Lateinunterrichts. Jetzt erfahre ich, dass sich nichts geändert hat.

Man stelle sich vor, dass im Mathematikunterricht zu Beginn jeder Stunde die besten SchülerInnen gebeten würden, sich eine Leistungsmannschaft zusammenzustellen. Sitzen blieben bis zuletzt diejenigen, die langsamer sind. „Na gut“, würde die Einserkandidatin in Algebra sagen, „dann nehm’ ich eben die Nina. Besser als den Frank, der ist noch dümmer.“ Ich bin sicher, es würde Elternproteste hageln.

Schlechte Matheschüler scheinen eine Lobby zu haben. Mancher Erwachsene rühmt sich, wegen Mathe in der 9. Klasse durchgefallen zu sein. Schwachen Matheschülern soll man helfen. Mathematik braucht man im Leben! Da muss sich die Schule um Förderung und Motivation bemühen.

Schlechte Schüler in Sport sind peinlich. Wer gibt schon zu, dass er in der 10. Klasse wie ein Sack Mehl vom Stufenbarren fiel und sich den kleinen Finger brach, während der Rest der Klasse vor Lachen brüllte? Probleme im Sport sind Privatsache. Entweder man ist sportlich oder man ist es nicht. Dann sollte man schweigen. Was ich mich frage, ist allerdings, warum es Sportunterricht heißt? Als gäbe es etwas zu vermitteln.

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