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Herbstblatt; Zeichung: K. Pollner

Es wird grau. Der erste Frost war schon da. Außen am nassen Dachfenster kleben gelbe Pappelblätter mit kleinen schwarzen Punkten drauf. Es riecht nach Moder. Die Vorfreude steigt: Es wird November!

Auf meinem Sofa unter dem Dachfenster sitzen mit dem Notebook auf den Knien, während draußen der Regen herunterläuft: Das ist NaNoWriMo. Im November ist National Novel Writing Month, was längst Global Novel Writing Month heißen sollte oder einfach Novel Writing Month. Überall auf der Welt schreiben dann Menschen in 30 Tagen einen Roman, der mindestens 50.000 Wörter lang sein muss. Das ist mehr oder weniger die einzige Regel.

Natürlich schreibt immer gerade jemand einen Roman, aber im November machen Hunderttausende Menschen ein Spiel daraus. 2011 waren es 256.618 Teilnehmer, 36.843 schafften es über die Ziellinie.

Seit sechs Jahren bin ich Teil dieses Spiels. Fünf Romanentwürfe habe ich geschrieben. Ein Jahr lang habe ich den November genutzt, um einen Roman zu überarbeiten, aber das war nicht dasselbe. Dieses Jahr lasse ich mich wieder auf das Abenteuer ein, ohne Seil und doppelten Boden. Ich habe eine Idee, ich habe etwas recherchiert, eine Handvoll Figuren und eine grobe Marschrichtung. Am 1. November um null Uhr springe ich ins kalte Wasser.

In den USA ist der NaNoWriMo eine Institution. Schulen, Universitäten, Bibliotheken und Buchläden beteiligen sich daran. In Berlin ist das nicht so.

Wenn ich erzähle, was ich im November tun werde, halten mich meine Kollegen für verrückt, aber harmlos. Vermutlich denken sie, ich hätte ein sehr leeres Leben. Die braucht mal wieder einen Mann. Nicht dass mich ein Mann schon davon abgehalten hätte, im November jede freie Minute mit Schreiben zu verbringen. Aber wer weiß, würden meine Kollegen sagen, es war wohl einfach nicht der Richtige dabei.

Mehr Verständnis erwarte ich von anderen Autoren. Doch auch die schauen mich zumeist mitleidig an. „Hast du das wirklich nötig?“, fragen sie mich. Sie irritiert nicht, dass ich jede freie Minute mit Schreiben zubringen will, das finden sie ganz normal, sondern dass ich mich dabei an Regeln halte. Dass ich mich über das Internet mit Fremden zusammenschließe, dass ich Wörter zähle, einen Wettkampf und ein Spiel daraus mache. Das halten sie für unseriös. Wäre ich eine richtige Künstlerin, würde ich für mich alleine kämpfen. Ich würde für meine Ansprüche oder für den Erfolg leiden. Aber spielen, nein, spielen würde ich nicht. Literatur ist eine ernste Sache.

Beide Fraktionen wären durch etwas Erfolg zu befriedigen. Ein fertiges Manuskript oder eine baldige Veröffentlichung würde als Ziel den merkwürdigen Weg rechtfertigen.

Was ich jedoch nach dreißig Tagen in den Händen halte, ist eine Geschichte. Ich habe ein rohes Manuskript geschrieben, bin mit meinen Figuren durch Höhen und Tiefen gegangen, habe mich durch Verzweiflung und Erschöpfung vorangetrieben und bin schließlich am Ende angekommen. Nicht immer genau da, wo ich geplant hatte. Im November können Geschichten abtreiben, Charaktere auf Abwege geraten, Schluchten tun sich auf, Abkürzungen entpuppen sich als Sackgassen. Es ist ein Abenteuer.

Wenn ich im November an meine Grenzen stoße, dann treibt mich das Spiel voran. Ich schleppe mich Wort für Wort weiter, damit ich die 50.000-er Grenze erreiche. Und ich weiß, dass überall auf der Welt andere Menschen das Gleiche tun. Wir feuern uns an. So kommen wir an Orte, die wir sonst nie erreicht hätten. Wir wären liegen geblieben oder umgekehrt.

Natürlich sehne ich mich nach Anerkennung, mache mir Gedanken darüber, was der Buchmarkt eigentlich will. Natürlich wünsche ich mir Leser und Erfolg; Preise und Honorare finde ich ganz wunderbar. Aber im November entdecke ich, dass das nicht der Grund ist, warum ich schreibe.

Ich schreibe, um zu schreiben. Ich will mich auf eine Reise einlassen, die riskant ist. Ich will das schreiben, was geschrieben werden will. Ich will neues Terrain erforschen, auch wenn es keine Garantie gibt, dass meine Exkursion erfolgreich sein wird. Wenn ich so schreibe, entstehen Figuren, Szenen und Bilder, von denen ich nichts ahnte.

Ende November stolpere ich erschöpft ans Ziel. Dann weiß ich wieder, wer ich bin. Das verrückte Vorhaben hat die Dinge zurechtgerückt. Ich bin hier, um zu schreiben. Ich schreibe. Das ist die Hauptsache, alles andere ist nebensächlich. Was sonst sollte es bedeuten, eine Künstlerin zu sein?

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