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„Kein Geld in Kinderhände“ war lange Jahre das Motto meiner Eltern. Dann erstritten meine großen Schwestern in zähen Verhandlungen ein Taschengeld. Auch für mich als Teil der geschwisterlichen Solidargemeinschaft. Ich war erfreut über den Betrag, bis ich mir einen Überblick über die Preise für weiße Mäuse und Gummischlangen verschafft hatte. Laut Tarifvertrag sollte mein Taschengeld jedoch mit den Dienstjahren automatisch steigen. Damit war ich zufrieden.

In der Schule erfuhr ich, dass sich unser Abschluss im unteren Bereich bewegte. Gut, wenig war besser als nichts, aber der Bruder meiner Freundin Sabine hatte sogar ein 13. Taschengeld herausgehandelt. Schließlich hätten ja auch die Kinder vor Weihnachten mehr Ausgaben.

Immerhin hatte ich ein festes Einkommen. Andere erhielten nur einen Sockelbetrag, der durch leistungsbezogene Bestandteile aufgebessert werden konnte. Abtrocknen, auf kleinere Geschwister aufpassen und vor allem gute Noten wurden mit Prämien vergütet.

Da ich recht mühelos an gute Noten kam, hätte ich von so einem System sogar profitieren können. Meine Eltern waren jedoch der Meinung, dass Bestleistung selbstverständlich sei, Belohnungen für gute Noten daher sinnlos. Dass die Kinder mit leistungsbezogenem Taschengeld keine besseren Noten hatten als ich, schien meinen Eltern recht zu geben.

Von pekuniären Anreizen hielten meine Eltern also nichts. Dennoch führten sie im Advent ein Belohnungssystem ein, um meine Schwestern und mich zu gutem Betragen zu animieren. Sie bauten die Krippe auf, ohne das Jesuskind selbstverständlich, das ja erst am Heiligen Abend geboren werden würde. Die Holzraufe, in der das Kind dann liegen sollte, war mit Moos gepolstert. Das wurde nun entfernt. Wir Kinder hatten ab jetzt dafür zu sorgen, dass das Baby weich und warm lag. Abends wurde abgerechnet: Waren wir nach Meinung der Eltern brav gewesen, wurde ein Wollfaden in die Krippe gelegt.

Ich stellte fest, dass meine Motivation, ein braves Mädchen zu sein, schlagartig versiegte. Beim Gedanken an die abendliche Zeremonie kam mir die Galle hoch. Sollte das blöde Jesuskind doch in der blanken Krippe liegen, solange mir diese Demütigung erspart bleiben würde. Die Bewertungen erschienen mir ungerecht und willkürlich. Meinen Schwestern ging es nicht anders. Die Stimmung in unserer Familie sank in den Keller. Zwar hatte das Jesuskind schließlich ein paar Fäden unter den Po, doch der Wolltarif wurde im nächsten Jahr stillschweigend nicht wieder aufgelegt.

Heute werde ich nach dem Tarifvertrag im öffentlichen Dienst bezahlt. Dort wurde vor ein paar Jahren festgelegt, dass fleißige Mitarbeiter und -innen prämiert werden müssen. Leistung solle sich lohnen, das sei nur gerecht, hieß es. Beim Tarifabschluss wurde eine Summe abgezwackt, die später nach dem Leistungsprinzip verteilt werden sollte. Das Prozedere ist kompliziert und das Ergebnis selbstverständlich zweifelhaft. Mit Gerechtigkeit hat das alles nichts zu tun. Mir fielen die Wollfäden wieder ein.

Im TVöD, wie der Tarifvertrag im Bürokratendeutsch heißt, wird natürlich auch die leistungsorientierte Bezahlung abgekürzt. LOB heißt sie. Ich warte gespannt auf den zweiten Teil dieser pädagogischen Strategie mit dem Titel TADEL wie tarifliche Abzüge dank elender Leistung. Das wird genauso wirkungslos sein wie das LOB heute. Im besten Falle.

Meine Eltern hatten damals schon weiter gedacht und negative Bewertungen in den Wolltarif eingebettet: Hatten sie sich über mich geärgert, wurde ein Wollfaden aus der Krippe entfernt. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, ein braveres Mädchen wurde ich dadurch nicht. Nur ein wütendes und verletztes. Und das arme Jesuskind musste am Hintern frieren.

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