Schlagwörter

,


Jeder weiß genau Bescheid, wie es in Neukölln zugeht. Schließlich steht es in der Zeitung und wird im Fernsehen gezeigt. Es wird mir sicher keiner glauben, ich wohne ja nur mitten drin in Neukölln, aber ich möchte es doch einmal gesagt haben: Mindestens 99,9 Prozent der Neuköllnerinnen tragen keinen Tschador. Nicht dass es einen Sinn hätte, darauf hinzuweisen. Bilder sind stärker als die Realität.

Gerade wird der Medienrummel neu angefeuert. Unser Bürgermeister, Herr Buschkowsky, hat ein Buch geschrieben. „Neukölln ist überall“ heißt es. Sind wir nicht alle ein bisschen Neukölln?

Wie es nun wirklich um diesen Bezirk steht, ist eine interessante Frage, die ich hier nicht klären kann. Doch was mich beim Lesen der neuesten Artikel über „Neukölln, wie es sein Bürgermeister sieht“ stutzen ließ, war, dass es in meinem Bezirk eine Spezies geben soll, die in dem genannten Buch als die bio-deutsche bezeichnet wird.

Was ein Bio-Ei ist, weiß ich ungefähr. Aber was soll bitte bio-deutsch sein? Regionale Produkte im Bioladen? Bio-deutsch statt konventionell-deutsch? Was hat das mit Multikulti zu tun?

Kommt das bio in bio-deutsch von Biografie oder von Biologie?

Bin ich selbst eine Bio-Deutsche, ohne es bis jetzt geahnt zu haben? Das klingt nicht wie etwas, das ich sein möchte. Allerdings bin ich in Deutschland geboren und galt von Anfang an als Deutsche. Wenn es sich auf die Biografie bezieht, muss ich wohl in den sauren Apfel beißen. Die Inhaberin dieses Passes ist Bio-Deutsche. Klingt fast wie ein Doppelname. Frau Bio-Deutsche unterrichtet Bio und Deutsch.

Ich fürchte allerdings, es geht um Biologie. Deutsche Abstammung? Was immer das sein soll.

Vom Augenschein her werde ich bei Umfragen in diese Ecke gesteckt. Vermutlich, weil ich kein Kopftuch trage und der deutschen Sprache einigermaßen mächtig bin. Doch sobald versucht wird, meinen Migrationsstatus systematisch zu definieren, wird es kompliziert.

Mein Vater hatte einen deutschen Pass, als ich geboren wurde, doch noch nicht lange. Hätte es den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, dann wäre mein Vater vielleicht ein Leben lang Slowake gewesen oder Ungar oder Pole. Erst die Nazis machten ihn zum Deutschen. Deutschtum im Ausland hieß das damals. Sein Vater, also mein Großvater, war Dorfschullehrer und musste dreimal auf einen anderen Staat den Beamteneid schwören, ohne umzuziehen. Ein viertes Mal wurde er nach dem Krieg in Bayern auf den Staat verpflichtet.

Ich bin also als Deutsche in Bayern aufgewachsen, mit einem Vater, der Migrant der ersten Generation war, wie man heute sagen würde. Meine Großmutter konnte ich nicht verstehen, weil sie Mantakesch sprach. Sie hatte diese Sprache aus der Zips mitgebracht. Meine Eltern verständigten sich auf Hochdeutsch. Daher konnte ich in der Schule problemlos folgen, war aber als Einwandererkind in Bayern integrationstechnisch eine Niete.

Ich beherrschte nur rudimentär die bayerische Sprache. Bei einem bayerischen Sprachtest zur Einschulung wäre ich durchgefallen. Dabei bemühte ich mich durchaus. Bis heute kann ich die bayerische Hymne singen und mein erster Freund in der vierten Klasse konnte ausschließlich Bairisch in Wort und Schrift. Das war leider mit ein Grund, warum sich unsere Wege trennten, als ich aufs Gymnasium wechselte. Mit der Integration ging es von da an stetig bergab. Ich trug keine Dirndl, ich mochte kein Bier und ich habe nie die CSU gewählt. Im Gegenteil empfand ich keinerlei Verbundenheit mit meinem bayerischen Aufnahmeland, sondern entfloh nach Berlin, sobald ich konnte.

Bin ich eine Bio-Deutsche? Unter meinen Vorfahren gab es Hugenotten, Zipser Deutsche, sogar einen Bayern vor sehr sehr langer Zeit, vielleicht auch Polen, Preußen, Ungarn, Slowaken, wer weiß. Das Daheim meines Vaters und das Zuhause meiner Mutter waren Tausende von Kilometern voneinander entfernt. Da, wo ich aufgewachsen bin, war keines davon. Bin ich also keine Bio-Deutsche? Was bin ich dann?

Ich glaube, statistisch gesehen bin ich eine ganz typische Deutsche mit einem ganz typischen kunterbunten Hintergrund. Damit bin ich wahrscheinlich auch eine ganz typische Europäerin und sogar ein ganz typischer Mensch. Ich entstamme einer illustren Ahnenreihe, die zurückgeht bis auf die frühen Menschen. Eine Ur-Ahnin von mir hatte vielleicht eine Affäre mit einem sanftmütigen Neandertaler auf der Durchreise. Ein wilder genetischer Mix also. So konventionell und bio wie jede und jeder von uns. Auch in Neukölln.

Advertisements