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ZiffernblattInzwischen ist Speed Dating ja ein alter Hut. Selbst im Tatort wurde es schon verwendet. Doch vor ein paar Jahren war ich neugierig. Ich versprach mir davon zwar nicht wirklich, einen tollen Mann zu treffen, aber erhoffte mir ein erfreuliches Ausmaß an Skurrilität. Für eine teilnehmende Beobachtung waren mir die Gebühren allerdings stets zu hoch.

Dann las ich, dass es in Berlin eine Studie zum Speed Dating geben würde, zu der noch Teilnehmerinnen gesucht wurden. Die Veranstaltung war umsonst und ich hätte noch dazu etwas für den Wissenschaftsstandort Deutschland getan. Natürlich meldete ich mich sofort.
Was ich nicht wusste, war, dass das eigentliche Speed Dating nur einen geringen Anteil des Nachmittags ausmachte, für den ich mich der Wissenschaft zur Verfügung stellte. Das Ambiente des Datings changierte zwischen einer Kassenarztpraxis im sozialen Brennpunkt und einem Pferdestall. Wir verbrachten – nach Geschlechtern getrennt – einige Stunden in einem Wartezimmer ohne Fenster. Im Raum war es stickig. Ein Gespräch kam nicht auf, Blickkontakt wurde vermieden. Ich fühlte mich, als würde ich gleich zur Biopsie abgeholt.

Endlich wurde ich aufgerufen, in ein Untersuchungszimmer geführt, gemessen, gewogen und abschätzig betrachtet. Eine Diagnose wurde mir nicht mitgeteilt, dem Mienenspiel entnahm ich, dass ich ein hoffnungsloser Fall war. Zuletzt wurde meine Hand eingescannt. Ich wurde nervös. Handelte es sich überhaupt um eine seriöse  Studie? Ging es um Fingerabdrücke? Wo würden die Daten gespeichert werden? Meine Fingerlänge sei zu analysieren, wurde mir kurz mitgeteilt. Daraus ließen sich Schlüsse auf mein Paarungsverhalten ziehen. Ich fragte mich, ob ich aus Versehen in einer Zeitschleife geraten war, die mich zurück in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts katapultiert hatte. Moderne Psychologie hatte ich mir anders vorgestellt. Aber ich schwieg und ging brav zurück ins Wartezimmer.

Dort mussten wir mehrmals Speichel abgeben. Dazu saßen wir auf unseren Stühlen im Kreis und spuckten durch einen Strohhalm in ein kleines Plastikgefäß, jede in ein eigenes natürlich. Eine Assistentin lief herum und begutachtete kritisch, ob es nun genug wäre. Einige Minuten lang musste ich jedesmal speicheln, bis ich Gnade fand. Ich war die langsamste Speichlerin im Raum und schämte mich dafür.

Zwischendrin saßen wir eben stumm im Raum und starrten ins Leere. Ich fragte mich, ob ich einfach gehen sollte. Aber jetzt, nachdem ich schon registriert, gewogen und gemessen worden war, würde ich damit vielleicht die ganze Studie ruinieren. Wer weiß, ob ich nicht irgendwo auf den vielen Formularen unterschrieben hatte, dass ich dann der DFG die gesamten Forschungsgelder zurückerstatten musste. Ich blieb und folgte dem Sekundenzeiger der Uhr, die im Raum hing.

Nach insgesamt drei Stunden Warten und Speicheln fühlte ich mich wie eine Qualle, die bei Ebbe am Strand liegen geblieben war. Dies war der Moment, als ich in einem trostlosen, pferdeboxähnlichen Verschlag gebracht wurde. Ein Fenster gab es auch hier nicht. Die Wänden waren aus beigefarbenem Teppich. Ein stimmungsvoller Ort zum Flirten.

Elf Männer verbrachten jeweils drei Minuten mit mir, was zumeist bedeutete, dass sie drei Minuten lang auf mich einredeten. Im Nachhinein konnte ich sie nicht  auseinanderhalten. Es war ein Strom von Gesichtern und Stimmen. Wo hatte das eine Gespräch aufgehört und das andere begonnen? War es der Mathematiker, der mich mit der Frage begrüßte, wie ich zu Kindern stünde? Oder war es doch der Ingenieur gewesen, der mir erläutert hatte, dass Speed Dating ein sinnloses und hoffnungsvolles Unterfangen sei, aber schon acht Mal daran teilgenommen hatte?

Eines hatten alle diese Männer gemeinsam: Sie machten den Eindruck, als wäre die Partnersuche eine lästige, aber unvermeidliche Aufgabe, die angepackt werden müsse. Eine Frau musste her, damit sie sich wieder anderen, wichtigeren Dingen widmen konnten. Es war eine Pflicht, kein Vergnügen.

Bei einem der elf hatte ich in einem Anfall von Gedankenlosigkeit, wahrscheinlich wollte ich nicht mäkelig erscheinen, angekreuzt, dass ich mir vorstellen könnte, mit ihm noch einmal ein freundschaftliches Gespräch zu führen. Dessen E-Mail-Adresse wurde mir nach ein paar Tagen prompt zugeschickt mit der Aufforderung, in Kontakt zu treten. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie er ausgesehen hatte. Ich wusste nicht, ob es der Ingenieur, der Arzt oder der Architekt gewesen war; war er der mit den fünf Kindern oder der mit dem Faible für die Modelleisenbahn?

Wieder war ich brav und verabredete mich in einem Café. Ich fürchtete, dass ich im Raum stehen und nicht wissen würde, welcher Mann derjenige war, den ich treffen sollte. Ich würde im Boden versinken. Aber ich hatte Glück, er war der einzige Gast, abgesehen von einem schwulen Pärchen.

Er erzählte mir viel von der Trennung von seiner Freundin. Es war eine skurrile Geschichte, obwohl er mir Leid tat. Sobald er seine Freundin erwähnte, knirschte er mit den Zähnen. Später am Abend teilte er mir in einer E-Mail mit, auf der tierischen Ebene würden wir nicht zueinander passen. Ich möchte hiermit betonen, dass ich diesem Herrn auf keiner tierischen und auch animalischen Ebene nähergetreten bin. Das weise ich entschieden von mir. Ein Jahr später fragte das Institut nach, was aus unserer Beziehung geworden wäre: Wären wir noch zusammen?

Was es nun mit meiner Fingerlänge auf sich hat, habe ich nie erfahren. Vielleicht wäre das der Schlüssel für all meine Probleme. Dating im wissenschaftlichen Stil scheint es jedenfalls nicht zu sein.

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