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Ich gebe mich manchmal als Versuchskaninchen her. Natürlich nicht für Medikamententests, aber im Spektrum von der Sonntagsfrage bis zum psychologischen Experiment habe ich bereits mitgewirkt.

Meist geht das mit Fragebögen ab, oft sogar einfach im Internet. Manchmal kann man zusätzlich zu einem Vergeltsgott sogar etwas gewinnen oder erhält eine Auswertung zur eigenen Persönlichkeitsstruktur. Diese Ausführungen enthielten zwar bislang nicht überzeugendere Erkenntnisse als das Jahreshoroskop in der Brigitte, aber ich lese gern über mich selbst. Wer nicht.

Nachdem ich vor ein paar Jahren an einer Studie zum Speed Dating teilgenommen hatte und dies eher unerquicklich verlaufen war (an anderer Stelle mehr), bin ich vorsichtig geworden. Doch vor einer Woche lockte mich wieder die Neugier: Es ging um Kunstbetrachtung im Museum. Eine Abgabe von Körperflüssigkeit sollte in diesem Fall nicht zu erwarten sein.

Das Prozedere war einfach. Ich saß eine Stunde lang vor einem Gemälde von Botticelli und schrieb auf, was ich dabei empfand.

Gelernt habe ich zunächst, dass es in der Gemäldegalerie Leihklappstühle gibt. Sehr praktisch, falls ich einmal gebrechlichen Berlinbesuch bekommen sollte. Obwohl man ja nicht weiß, wie lange die Gemäldegalerie noch Gemäldegalerie sein darf. Aber das gehört nicht hierher.

Ich saß also auf meinem Stuhl vor einem großformatigen Altarbild, starrte es eine Stunde lang an und machte mir Notizen. Ich wiederum wurde von irritierten Galeriebesuchern angestarrt, die sich besorgt fragten, ob von dieser Verrückten ein Säureattentat auf das Bild zu befürchten sei, und diese Sensation natürlich nicht verpassen wollten.

Ich kann verstehen, dass sie sich Sorgen machten. Binnen weniger Minuten waren mir alle abgebildeten Personen zutiefst zuwider. Selbst das Jesuskind konnte mein Herz nicht erwärmen. Es sah aus, als ob die Madonna es gerade von ihren spitzen Knien fallen ließ, und ich fühlte kein Mitleid.

Überhaupt diese Maria. Von Atemzug zu Atemzug schien sie mir unerträglicher. Eine selbstgerechte Person. Sie hatte die Augenlider gesenkt, wohl um den Eindruck von Demut und Bescheidenheit zu vermitteln, aber ich nahm es ihr nicht ab. Ich sah das Glitzern in ihren Augen. Sie genoss es, auf einem Thron zu sitzen und verehrt zu werden. Das Kind war nur Mittel zum Zweck.

Die beiden Männer auf dem Bild waren nicht besser. Der Linke machte sich bereit, mich zurückzustoßen, wenn ich mich über die bronzene Linie auf dem Parkettfußboden gewagt hätte, der Rechte beobachtete mich und machte sich seinerseits Notizen auf eine abfällige Art, die ich unerträglich fand. Den mit dem Buch begann ich nach einer Weile regelrecht zu hassen. Ich schrieb gemeine Bemerkungen über ihn nieder und war mir sicher, dass er dasselbe über mich tat. Ich sah es an der niederträchtigen Wölbung seiner Oberlippe. Verächtlich schaute er mich auf mich hinunter. Er fühlte sich als etwas Besseres. Ich war ja nur eine Betrachterin, eine, die Eintritt zahlen musste. Und dabei war er selbst nichts als eingetrocknete Farbe. Was bildete er sich ein? Er konnte sich noch nicht einmal bewegen, nicht einmal schreiben konnte dieser Laffel, er konnte sich nur vornehmen, etwas zu schreiben und niemals würde er es tun können. Aber ich konnte es und ich würde die Wahrheit über diesen widerlichen Hochstapler niederschreiben. Alles, was ich wusste.

Nach einer Stunde schreckte ich hoch. Meine Beforscherin hatte mich angesprochen. Ich merkte, dass ich verschwitzt war und den Kuli in meiner Hand umklammerte, als hinge mein Leben davon ab. Während des Nachgesprächs beruhigte ich mich ein wenig, aber sobald ich zu dem Gemälde hinsah, bemerkte ich, wie der Mann mit dem Buch mich verschlagen beobachtete. Auch Maria hatte ein boshaftes Lächeln aufgesetzt. Sie hatten mich ihrerseits seit über einer Stunde betrachtet. Wahrscheinlich würden sie die ganze Nacht über mich herziehen. Ich konnte sie schon tuscheln hören.

Zehn Minuten vor Ablauf der Öffnungszeit wurde die Gemäldegalerie von allen Besuchern gesäubert. Auch ich kam wieder an die frische Luft. Nachdem ich das Bild nicht mehr sehen konnte, fühlte ich mich besser. Ich war wunderbar entspannt. Katharsis vermutlich.

Sollte sich das sogenannte Kunst-Coaching durchsetzen, könnte sich die Atmosphäre in der Gemäldegalerie sehr verändern. In jedem Raum würde jemand sitzen, der ein Bild anstarrt und wütend mit den Zähnen mahlt. Manche würden schimpfen und schreien, andere weinen. Vielleicht gibt es auch Bilder, die dazu anregen, sich zu verlieben. Vor diesen würden rote Rosen abgelegt. Es wäre eine sehr viel lebendigere Art der Kunstbetrachtung. Und vielleicht ein Touristenmagnet. Im Foyer würden Postkarten von besonders auffälligen Besuchern angeboten und die Touristen dürften sich vor dem Gemälde mit ihnen fotografieren lassen. Ich sehe eine große Zukunft für dieses Metier.

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