„Brot wirf man nicht weg“, sagte meine Mutter. Hinten im Küchenschrank, im tiefen, dunklen Brotfach lauerten die Kanten alten Brots. Wir mussten sie aufessen, bevor wir den neuen Laib anschneiden durften. Das frische Brot lag schon da, eingeschlagen in Papier, und duftete. Aber wir kauten an den Resten der letzten Woche.
Spät in der Nacht sitze ich immer noch vor dem Computer. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, denke ich. Die Arbeit hört nicht auf. In der Zimmerecke blitzt und funkelt das Vergnügen. Ich möchte aufstehen, nach dem Vergnügen greifen und mit ihm durch das Zimmer tanzen. Doch vor mir hat sich die Pflicht breitgemacht.

Morgens um zwei ist die Arbeit endlich aufgebraucht. Ich blinzle, strecke mich, dehne die Muskeln. Jetzt ist das Vergnügen dran. Doch die Zimmerecke ist leer. Das Vergnügen hat sich aus dem Staub gemacht und ich bin müde und hungrig.

Im Brotkorb liegt ein Kanten alten Brots. Ich sollte es aufessen, damit ich neues Brot kaufen darf. Das alte Brot ist steinhart. Meine Kronen würden von den Zähnen fallen, wenn ich in dieses Brot beißen würde.

Ich lege das Brot zurück in den Brotkorb. Dann nehme ich das Brot und werfe es in den Mülleimer. Ich denke an die Kinder in Afrika, die froh wären um so ein altes, hartes Brot, und schäme mich.

Bettlern hat meine Mutter immer ein Butterbrot angeboten, um zu beweisen, dass sie nicht wirklich Not litten. Denn die Bettler wollten gar kein Butterbrot, sie wollten nur Geld. „So sind die Menschen“, sagte meine Mutter.

Aber vielleicht, denke ich jetzt in meiner Küche neben dem Mülleimer mit dem Brot darin, vielleicht konnten die Bettler das alte Brot einfach nicht kauen.

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