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Ich gehe gerne in den Supermarkt. Das mag daran liegen, dass ich
mich dort nicht in Begleitung eines Kleinkindes aufhalten muss, das
sich brüllend auf dem Boden wälzt. Ich muss auch keine
Paardiskussionen vor dem Nudelsoßenregal führen. Diese Zeiten sind
vorbei. Nie bin ich so froh, ein Single zu sein, wie im Supermarkt.

Ich kann mir Zeit lassen, soviel ich will, unvernünftige Entscheidungen
treffen oder gesunde, niemand redet mir dazwischen. Im
Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten bin ich frei.
Vielleicht bin ich Teilzeitautistin, aber ich möchte beim Einkaufen
auch vom Personal nicht angesprochen werden. Ich sage Guten Tag
und Auf Wiedersehen, wähle aus, was ich will und zahle den
verlangten Preis. Wenn ich Fragen habe, frage ich. Wunderbar.
Prinzipiell bin ich natürlich dafür, dass der Tante-Emma-Laden an der
Straßenecke erhalten bleibt. Tatsächlich meide ich diese Läden wie der
Teufel das Weihwasser.
Tante Emma hatte ihre Chance. Regelmäßig kam ich zu ihr, wenn ich
im Supermarkt etwas vergessen hatte. Sie half mir aus mit
Schokolade, Milch und Klopapier. Eine Weile lief es richtig gut mit uns
beiden. Bis sie familiär wurde.
„Bekommen Sie Besuch?“, fragte sie mich an der Kasse, wenn ich zwei
Tafeln Schokolade kaufte. Sie rief mir an der Tür entgegen, dass meine
Sorte Damenbinden gerade ausverkauft sei, und schließlich fasste sie
in mein Portemonnaie und nahm sich die Münzen heraus, die ich für
den Waschsalon gesammelt hatte. „Ich sehe doch, dass Sie genügend
Kleingeld haben. Erzählen Sie mir nichts“, sagte sie streng. Das war
das Ende unserer kurzen Beziehung.
Ich stellte fest, ich kann einen Tag ohne Milch überstehen. Außerdem
gibt es im Bahnhof auch sonntags einen großen Supermarkt.
Seitdem kaufte ich unbehelligt ein bis gestern Abend. Ich
konzentrierte mich darauf, die Dinge, die die Kassiererin in einem
Affentempo durch den Scanner zog, genauso schnell in meinen
Einkaufswagen zu befördern. Da sprach sie mich an. Ich stutzte. „Wie
bitte?“, fragte ich, während die Kassiererin weiter Waren durch den
Scanner schob, die im Nu zu einem Berg anwuchsen.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, wiederholte die Kassiererin, ohne
hochzusehen.
„Ja“, sagte ich zögernd. Was hatte ich falsch gemacht?
„Haben Sie alles gefunden?“
Natürlich nicht. Ich hatte nicht erwartet, dass ich in diesem Laden all
das finden würde, was ich vermisste. Doch hier war nicht der Ort für
philosophische Erörterungen.
„Haben Sie einen Leergutbon?“, fragte sie weiter.
Musste ich einen haben?
„Ein Parkticket?“
„Ich bin mit dem Fahrrad …“ Auch das wollte ich der Kassiererin nicht
erläutern. Ich wollte abkassiert werden und nach Hause gehen.
„Darf ich Sie nach Ihrer Postleitzahl fragen?“
Was würde als Nächstes folgen? Meine BH-Größe? Ich warf der Frau
die Postleitzahl hin und hoffte, dass Sie nunmehr mein Geld
annehmen würde.
„28 Euro 47.“ Ich reichte ihr einen Schein und machte mich daran, die
Dinge vom Band in meinen Einkaufswagen zu räumen. Doch es war
noch nicht genug.
„Möchten Sie einen Bon?“
„Ja“, fauchte ich.
Hatte man diese Zettel nicht früher wortlos überreicht bekommen?
Warum musste ich jetzt darum bitten? Handelte es sich um eine
Aktion der Bundesregierung zur sozialen Eingliederung glücklicher
Singles? „Wir quasseln dich an“ – eine Kampagne Ihres Einzelhandels
und der Ministerin für Irgendwas?
„Vielen Dank“, sagte die Kassiererin und überreichte mir Wechselgeld
und Einkaufsbon. Für heute war ich entlassen.
Wenn der Berg nicht zu Tante Emma kommt, dann kommt Tante
Emma zum Berg, dachte ich beim Einpacken. Wo sollte ich in Zukunft
einkaufen gehen? Im Internet bestellen? Das war keine Lösung. Die
Boten würden an meiner Wohnungstür auf mich einreden.
Auf der Rolltreppe nach oben fiel mir auf, dass alle anderen Kunden
Kopfhörer trugen. Manche sahen wie Schallschutzvorrichtungen aus.
Mir ging ein Licht auf.

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