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Fliegende BücherFrau B. schrieb Tag für Tag. Buchstaben liefen über den Bildschirm und fügten sich zusammen. Frau B. schrieb lange Texte, Romane genannt. Sie fütterte sie regelmäßig, aber sie brauchten Jahre, um flügge zu werden. Frau B. schrieb auch kurze Texte, die wurden schneller reif. Frau B. warf sie dann aus dem Nest. Manchmal kam aus der Ferne ein Echo zurück, ein Lob oder ein paar Seiten bedrucktes Papier. Doch oft horchte Frau B. vergeblich in die Stille hinein, die ihre Texte verschluckt hatte.

Texte kamen zurückgeflattert und versteckten sich in der Schublade. Einige, die später geschlüpft waren, wollten gar nicht mehr aus dem Nest. Frau B. setzte sie ans offene Fenster und gab ihnen einen halbherzigen Schubs, doch sie klammerten sich fest. Und hatten sie nicht Recht? Wo da draußen sollten sie einen Ort finden?

Frau B. schrieb weiter. Frische Texte krabbelten aus ihrem Notebook. Die meisten schauten nur kurz aus dem Fenster und huschten dann gleich in die Schublade.

Eines Abends hörte Frau B. ein lautes Rascheln. Als wäre ein Vogel in ihrer Schublade gefangen. Sie bewaffnete sich mit einem Besenstiel und zog die Schublade auf. Heraus kam nichts.

Sie beugte sich nach vorne und guckte in die Lade. Sie war leer. Sie war nicht nur leer, sie hatte keinen Boden mehr. Frau B. schaute hinein und sah  endlose Weite. An der Seitenwand klebte ein Post-it. Darauf stand gekritzelt: „Etwas Besseres als die Schublade finden wir überall.“

Von da an warf Frau B. ihre flügge gewordenen Texte in die Schublade, die sie „Das Bodenlosz-Archiv“ nannte. Manchmal legte sie ihr Ohr daran. Drin schlugen Flügel im Wind.

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